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10/7–8/8/2020

Mit Bergen den Blick reparieren

Stella Antares, Oscar Cueto, Gerhard Fresacher,
Eva Funk, Nina Herzog, Leon Höllhumer,
Daniel Hosenberg, Evelina Jonsson, Yein Lee,
Meina Schellander, Patrick Topitschnig, Chin Tsao,
Eugen Wist, Gisela Zimmermann

Kuratiert von Céline Struger

Vernissage 9/7/2020
Einführende Worte Nora Leitgeb

Liebe Gäste, zur Vernissage am Donnerstag, 9. Juli 2020 dürfen uns maximal 100 Personen im Künstlerhaus Klagenfurt besuchen. Auf Grund der neuen Bedingungen von Covid-19 herrscht wieder bei Veranstaltungen dieser Art Maskenpflicht! Bitte achten Sie auch auf den 1-Meter-Abstand und vergessen Sie nicht Ihre eigene Maske mitzubringen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

RAHMENPROGRAMM

16/07/ 20 Uhr
Konzert „Promenade“ -
Ein Umgang mit der Schule des Staunens
von und mit Bertl Mütter, Trombonaut

25/07/ 11 Uhr ­
Literaturfrühstück in Kooperation mit dem KSV

07/08/2020 ab 17 Uhr
Finissage & Sommerfest
EINTRITT frei!
20 Uhr Performance
Flowers cry in the rain:
Pope Sangreta
ab 22 Uhr
Performance im Humarium:
Gerhard Fresacher

 



„Klara,“ sagte ich, „ist denn nicht neben all‘ den köstlichen Quellen der Poesie und allen Wissens auch die Herrlichkeit dieser Natur, die uns umgiebt (sic), eine solche, ja eine Hauptquelle der Erquickung? Marie kennt diese, warum kann sie nicht mehr daran trinken?“ „Sie hat nie recht daran getrunken,“ meinte Klara, „ihr inneres Auge war nie geöffnet für diese Schönheit.“ „Sollte es nicht Krankheiten geben, die auch die geöffneten Augen schließen und die Aufnahme all‘ dieser Erquickungen unmöglich machen könnten, Klara?“ „Nein,“ sagte sie bestimmt; „ausgerüstet mit den geweiteten Blicken des Gebildeten, dem alle Quellen des geistigen Lebens geöffnet sind, kann uns ein solches Kranken nicht niederwerfen. “...” Versiegt für uns eine Quelle, die uns Kräfte des Lebens zugeführt, so kennen wir tausend andere, daraus wir schöpfen können; wir müssen nicht ermatten, wie das Land, dem der einzige Bach vertrocknet, dessen Wasser es grünen gemacht.”

Johanna Spyri, HEIDI (1880)

 

Für die Ausstellung Mit Bergen den Blick reparieren unter­suchen sieben Kärntner und sieben internationale Kunstschaffende die Repräsentation von Landschaft in Medien- und Populärkultur. Ausgehend von Herkunft und individuellen Erfahrungen kann ein und derselbe Ausblick als verheißungsvolles Versprechen oder als politisch motivierte Drohgebärde gedeutet und missbraucht werden. Das Erfahren von Landschaft ist nicht ausschließlich privat, sie stellt ein knappes, kollektives Gut dar. Sie wird universell von wechselnden Interessensgruppen für politische oder wirtschaftliche Agenden okkupiert. Die bildende Manifestation dieser Ideologien tragen jedoch fast ausschließlich Künstlerinnen und Künstler, die den RezipientInnen Raum und Projektionsflächen für individuelle Erinnerungen, Erwartungen und Träume einräumen.

Angesichts der globalen ökologischen Krise stellt die Natur im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts das wertvollste Gut der Menschheit dar. Ihre Erhaltung sollte oberste Priorität haben und das nicht nur aus selbstloser ethischer, sondern auch aus individuell-egoistisch ökonomischer Sicht. Doch diese Ausstellung soll sich nicht mit Natur in ihrer Gesamtheit befassen, sondern mit „Landschaft” - einem Konstrukt, das die Menschheit, vor allem auch durch die Kunst getragen, seit tausenden von Jahren in allen Teilen der Welt begleitet.

Die künstlerisch simulierte Landschaft war immer schon ein Ausdruck des Zeitgeists einer bestimmten Epoche, aber auch der individuellen Sehnsucht des Künstlers und der Künstlerin. Bereits auf antiken Fresken wurden stilisierte Ausschnitte eines Naturraums als Untermalung dramatischer Szenen dargestellt. Im Mittelalter fanden flächige Interpretationen des Paradieses, in der Renaissance perspektivische Gartenansichten Eingang in die Kunstgeschichte. Alle diese Momentaufnahmen hatten eines gemeinsam: Ihnen wohnte einerseits ein dokumentarischer und archivarischer Charakter inne, andererseits bildeten sie aber auch stets eine pessimistisch dystopische oder eine optimistisch utopische Weltsicht ab. Kurz gesagt, Landschaft ist immer ein Kind ihrer Zeit.

Heute, in den Iden des Anthropozäns, sind die Kunstwelt und ihre AkteurInnen neben der ökologischen Bedrohung auch mit anderen Einflüssen, wie vor allem der Immaterialisierung von Landschaft, konfrontiert. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Interpretationen von Landschaft erst in Film und Fernsehen, später in Videospielen global verbreitet. So verinnerlichte die Babyboomer-Generation eine fiktive Idee der nordamerikanischen Prärie durch Winnetou-Filme, die in Kroatien gedreht wurden. Viele dieser eurozentrischen Ansätze sind heute, vor allem auch in postkolonialer Hinsicht, schlecht gealtert und bedürfen einer kritischen Aufarbeitung.

Die Generation der Digital Natives bewegt sich auf Social Media und in Computerspielen durch vollständig simulierte Landschaften, die nur mehr ansatzweise etwas mit ihren analogen Vorbildern gemein haben. Die Lesart virtueller Landschaften wird heute in erster Linie durch standardisierte Filter auf Foto- und Videoplattformen geprägt.

Der unlängst durch die COVID Pandemie begünstigte Rückzug in die virtuelle Welt verursachte eine Renaissance romantisierter Stadtlandschaften. So fanden sich Photoshop-Simulationen von Delfinen in den Kanälen von Venedig und betrunkene Elefanten auf chinesischen Plantagen auf allen Social Media Kanälen wieder und wurden millionenfach geteilt. Unter dem Überbegriff „Die Natur erholt sich von der Menschheit” wurde ein im ausgehenden 19. Jahrhundert populäres Credo für das Internet adaptiert.

In dieser Ausstellung wird der Schwerpunkt auf die künstlerische Landschaftsrezeption im ausgehenden 20. und im 21. Jahrhundert gelegt. Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler komplementiert exemplarische Kärntner Positionen mit jungen, internationalen Sichtweisen. Gleichzeitig möchte ich auf diese Weise auch postkoloniale Fragestellungen erörtern.

So wird der mexikanische Dschungel sowohl aus der Vogelperspektive Patrick Topitschnigs betrachtet, als auch dessen westliche Rezeption vom mexikanischen Künstler Oscar Cueto kritisch beleuchtet. Der Ausstellungsbesucherin und dem Ausstellungsbesucher wird es dadurch ermöglicht, sich in dem ästhetischen Spannungsfeld zweier Blickrichtungen zu bewegen.

Die zentrale, skulpturale Arbeit Offene Figur von Meina Schellander ist formal und konzeptuell an der Wende zum 21. Jahrhundert anzusiedeln. Ihre im wahrsten Sinne des Wortes offene Form soll als Grundstruktur, als das skulpturale Skelett der Ausstellung fungieren. Ihren durch 3 Dämpfer unterbrochene Waldreihe,
4 verspannten Raumteiler und dem T-Objekt werden die Objekte der koreanischen Künstlerin Yein Lee gegenübergestellt. Diese treten ihnen in Form von Plastik und Abfallprodukten als antagonistische Position gegenüber und läuten damit als Repräsentanten des Anthropozäns das Ende einer von der Moderne geprägten Ästhetik ein.

Eva Funk aus Kärnten formt in ihrem Beitrag unter anderem Plastiksäcke aus Reispapier – Plastiksäcke, die momentan die größte Bedrohung für die Weltmeere darstellen, während Chin Tsao aus Taiwan in einer Skulptur-Performance die Bedrohungen aus dem Meer, seien es ökonomisch-politische Aggressoren oder einfache Piraten, besingt.

Stella Antares, Daniel Hosenberg und Gisela Zimmermann bilden die zweidimensionalen, also fotografischen, semi-fotografischen und malerischen Beiträge. Antares befasst sich thematisch mit den Auswirkungen der Landschaft auf die Körper der Menschen, die sie bewohnen und bearbeiten, am Beispiel ihrer eigenen Familienbiographie, Hosenberg lässt die Landschaft selbst Spuren auf seinen Bildträgern hinterlassen, und Zimmermann nähert sich gestisch-abstrakt einer „inneren Landschaft” an.

Die interdisziplinär zwischen bildender und darstellender Kunst tätigen Nina Herzog und Gerhard Fresacher schaffen einen Raum-im-Raum, ein Terrarium für Menschen, durch das die AusstellungsbesucherInnen beobachtet werden und so einem voyeuristischen, ausbeutenden Blick ausgesetzt sind. Einem Blick, ohne den heute keine Landschaft definiert und für den Tourismus ”gebranded” werden kann. Im Hinblick auf eine mythische Flora und Fauna spielt auch Leon Höllhumer mit Voyeurismus und Ausbeutung, indem er auf seinen Druckarbeiten als stark sexualisiertes Mischwesen in Erscheinung tritt.

Im Gegensatz dazu nähert sich Evelina Jonsson dem Trash in einer ätherisch wirkenden digitalen Videoarbeit an. Eine langsame, verwinkelte Kamerafahrt führt die Besucherin und den Besucher durch einen sich ständig verändernden, bedrohlichen Mikrokosmos aus finster dreinblickenden Gottesanbeterinnen und Riesenpilzen, die zwischen Unrat wuchern. In einem abgedunkelten Setting werden ihr die Leuchtskulpturen Eugen Wists zur Seite gestellt. Dieser aus Zinn und Kabeln bestehende Werkgruppe wird vom Duft einer einzelnen Erdbeere begleitet, die an die Wand appliziert wird.

Mit der Auswahl und Zusammenstellung dieser Positionen möchte ich einen frischen Blick auf ein altgedientes Konzept werfen und eine Vielzahl an unterschiedlichen subjektiven Landschaftsansichten vorstellen. Ausgehend von unterschiedlichen Medien (Graphik, Malerei, Photographie, Skulptur, Sound/Video und Performance) nähern sich die KünstlerInnen den Schnittstellen landschaftlicher Ästhetik und deren Instrumentalisierung an. In einem raumgreifenden Setting bespielen sie den Hauptraum und die Seitengalerien des Künstlerhauses Klagenfurt multimedial.

Baustoffe, Naturprodukte und Recyclingmaterial werden zu einer Simulation von Landschaft zusammengefügt. Darin findet dann eine zeitgenössische Annäherung traditioneller Kunsttechniken wie Malerei, Skulptur und Fotografie ihren Anfang, die von neuen Medien und digitaler Kunst ergänzt und schließlich in den Landschaftsbegriff des 21. Jahrhunderts übertragen wird.

Die so konstruierten Szenerien werden im Rahmen der Eröffnung, des Sommerfests und der Finissage von den Performance-KünstlerInnen in mehreren Akten bespielt und rearrangiert. Ziel ist es, die Abgrenzungen zwischen den Kategorien Display, Installation und Bühne aufzuweichen und an ihnen das romantische Konzept der “heilenden Landschaft” zu evaluieren. Begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm, welches das Publikum bei performativen Lesungen und Performances einbezieht. So werden z.B. themenbezogene Fragestellungen wie Ökologie und Digitale vs. „Reale“ Landschaftssimulation mit den KünstlerInnen im Rahmen eines Artist-Talk erörtert.

Céline Struger
Kuratorin

 




Kleine Galerie

Petra Tragauer
KunstStoff

1 Million Plastikflaschen pro Minute

  • Weltweit werden jährlich mehr als 480 Milliarden Plastikflaschen verkauft
  • Das bedeutet: Pro Minute sind das nicht weniger als 1 Million
  • 40 % der produzierten Plastikartikel werden nur einmal benutzt
  • Nur rund 7% der Plastikflaschen werden durch Recycling für die Produktion neuer Plastikflaschen verwendet
  • Jedes Jahr landen mehr als 8 Millionen Tonnen an Plastik im Meer

Plastik wird nicht abgebaut, es muss vielmehr langwierig von Wind und Wellen zermahlen werden. Bei einem Plastiksackerl dauert das bis zu 20 Jahre, bei einem Becher sogar bis zu 50 Jahre. Besonders lange halten sich Plastikflaschen, die oft erst nach mehr als 450 Jahren zerkleinert sind.
Primäres Mikroplastik ist als Partikelzusätze in Kosmetika enthalten. Das sekundäre Mikroplastik entsteht durch Abrieb und Zerfall aus größeren Plastikteilen. Es ist daher mittlerweile in vielen Bereichen der Umwelt nachweisbar.
Als Mikroplastik gelangt das Material meist über Fische, aber auch durch andere Tiere in die Nahrungskette - und wird wiederum zur Gefahr für Mensch und Tier.

Unter dem Arbeitstitel „Plastikflut“ setzt sich die Künstlerin Petra Tragauer mit der Thematik auseinander und stellt das Element Wasser in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Die künstlerische Darstellung konzentriert sich auf die Problematik des Mikroplastiks im Wasser und dem sorglosen Umgang mit der Wasserflasche.

Mikroplastik ist geruchlos, geschmacklos und unsichtbar. Es beeinflusst die Umwelt und das Ökosystem in einer Form, die nicht mehr umkehrbar ist. Wir wissen nicht, welchen Einfluss das auf die Lebensqualität der Zukunft hat.  Aber es ist da und kann nicht mehr aus dem Wasser entfernt werden. Ein unsichtbares Problem, das von der Künstlerin auch nicht sichtbar gemacht wird. Vielmehr soll die Ausstellung die Diskussion fördern und das Bewusstsein für den Umgang mit Plastik stärken.

Weiterführende Informationen hier

 

Biografie
Petra Tragauer wurde 1968 in Knittelfeld geboren.
Von 2006 bis 2008 befand sie sich in künstlerischer Ausbildung unter Professor Hannes Baier an der Leonardo Kunstakademie in Salzburg. Das intensive, umfassende Studium eröffnete alle Ausdrucksmöglichkeiten der Malerei und fördert den Weg einer individuellen künstlerischen Entfaltung. Studienschwerpunkte waren unter anderem die altmeisterliche Lasurtechnik, die gegenstandslose Malerei sowie Akt und Portrait in verschiedenen Techniken.

2010 erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Knittelfeld und wird 2011 in die Berufsvereinigung der Bildenden Künstler Österreich und in die weltweit agierende Organisation "Urban Sketchers" aufgenommen. Seit 2018 ist sie Mitglied im Kunstverein Kärnten.
Ab 2013 steht der Holz- und Linolschnitt im Mittelpunkt des Schaffens. In den bisher fast ausschließlichen Kärntner Motiven spiegelt sich die Liebe zur Heimat und der Einfluss der unmittelbaren Umgebung wieder.
Die Künstlerin lebt und arbeitet in Villach.

Preise/Auszeichnungen:
2010: Kunstpreis der Stadt Knittelfeld

Mitgliedschaft:
Kunstverein Kärnten
Berufsvereinigung der Bildenden Künstler Österreich Urban Sketchers

 

 

 


Stella Antares


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